Eigentlich hatte ich vor, dass Stranger-Things-Finale gemütlich am Nachmittag des 1.1. anzuschauen. Aber das Silvester-Feuerwerk hielt meinen Hund auf Trab, und nach einer halben Stunde Beruhigen und Kuscheln war ich fit genug, um mich ins Abenteuer zu stürzen. So viel hatte ich gelesen und nachgedacht, was jetzt wohl alles passieren würde. Und freute mich drauf, dass all diese Erwartungen übertroffen würden.
Natürlich habe ich das Ganze auch durch meine Autorinnen-Brille gesehen. Eine Serie, die über 10 Jahre hinweg weltweit Millionen Menschen begeistert, macht erzählerisch einfach vieles richtig. Gerade in der letzten Folge habe ich einige Punkte identifiziert, die auch dir beim Schreiben helfen können.
Wichtig: Falls du das Finale noch nicht geschaut hast, es aber vorhast, lies nicht weiter – es folgen Spoiler.
Ab hier liest du auf eigene Gefahr weiter. Meine 5 großen Learnings fürs Schreiben aus dem Stranger-Things-Finale:
1) Wenn du versuchst, es allen recht zu machen, machst du es am Ende niemandem recht.
Stranger Things hat eine riesige Fan-Gemeinde. Manche lieben Steve, manche Will, manche Dustin oder Max. (Nebenfiguren sind oft beliebter als Hauptfiguren – das merkt man auch hier wieder.) Einige fanden den Handlungsstrang mit Eddie gut, andere den mit Steve, Robin und Erica. Und je nachdem, wen und was man gut findet, wünscht man sich natürlich einen anderen Ausgang für das Geschehen.
Außerdem hatte Netflix natürlich Erwartungen an den Erfolg der Serie. Und wohl auch das Recht, ein wenig mitzusprechen.
Je mehr Menschen Erwartungen an etwas haben, desto schwieriger wird es, alle zu erfüllen. Wir haben dann eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir entwickeln eine weichgespülte Variante, die niemanden enttäuscht (aber auch keinen vom Hocker reißt), oder wir gehst bewusst das Risiko ein, einzelne Erwartungen nicht zu erfüllen, um etwas zu erschaffen, das es so noch nicht gibt und das die Menschen, für die es wirklich gedacht ist, beglückt, erschüttert, mitreißt.
Die Duffer-Brüder haben sich beim Stranger-Things-Finale für die erste Variante entschieden. Eine der Hauptfiguren opfert sich am Ende selbst, ist dann aber vielleicht oder wahrscheinlich doch nicht tot. Jede der Figuren erhält noch eine positive Wendung. Es gab sogar wieder mehr Musik aus den 1980ern, die in den letzten Staffeln deutlich weniger geworden war.
Alles gut und schön, aber nichts, bei dem man sagen würde: „Wow, krass.“ Und das bei einer Serie, die durch ihre „Wow, krass“-Momente überhaupt so beliebt geworden ist. So ist zwar niemandes Herz gebrochen, weil Steve gestorben wäre. Aber die großen Gefühle blieben am Ende eben auch aus.
Mein Tipp für dich:
Entscheide dich bei deinem Buch für den 2. Weg. Begeistere lieber eine kleinere Gruppe an Menschen, als es allen ein bisschen recht zu machen.
2) Deine Zielgruppe hat Erwartungen an dein Genre bzw. deine Nische.
Stranger Things ist eine Mystery-Serie. Die Menschen, die die Serie anschauen, mögen mysteriöse Geschichten, Fantasy und Science Fiction. Und sie haben wahrscheinlich bereits einige Serien und Filme im Genre angeschaut. Sie kennen möglicherweise all die Geschichten, die Stranger Things inspiriert haben: von E.T. über Stephen Kings Es bis hin zu den Goonies. Und selbst, wenn sie diese Geschichten nicht kennen, so haben sie doch ein Gespür fürs Genre.
So geht’s deiner Zielgruppe auch: Sie kennt die Art Bücher, die du schreibst, meist sehr gut. Diese Lese-Erfahrung sorgt wiederum für unausgesprochene Erwartungen. Die du am besten erfüllst, aber doch mindestens kennst.
Bei einer Mystery-Serie erwarten wir zum Beispiel einen mysteriösen Twist im Finale.
Wie groß die Erwartungen an das Stranger-Things-Finale waren, konnte man in den letzten Wochen in Social Media sehen: Auf Instagram und TikTok häuften sich die wildesten Theorien über ein mögliches Staffel-Ende – akribisch recherchiert und mit Bild-Material aus der Serie hinterlegt.
Will hält die Hände genau wie Henry und Billy? Keine Frage: Wahrscheinlich ist er von Vecna besessen und spioniert seine Gruppe in Wahrheit die ganze Zeit aus. In D&D und in Wills Zeichnung kommt ein dreiköpfiger Drache vor? Wahrscheinlich wird das der unerwartete Endgegner. Die ganzen Uhren, 12 entführte Kinder, Wurmlöcher, die Erwähnung des Flux-Kompensators? Da wird sich am Ende jemand auf eine Zeitreise begeben.
Kleine Details wurden in Zusammenhang gesetzt und als Grundlage für Spekulationen genommen, was noch alles passieren könnte. Die Theorien waren teils großartig und viele davon sehr schlüssig. Die Details aber wohl unbeabsichtigt in die Serie geraten, denn der große Twist am Ende war, dass einfach nichts Besonderes passierte.
Stattdessen gab es einfach einen vergleichsweise harmlosen Endkampf und einen mehr als eine Stunde dauernden Epilog mit Schul-Abschlussfeier und letztem D&D-Spiel. Keine überraschende Wendung, keine Verluste, keine besonders großen Hürden. Und auch, wenn fast alle Figuren am Ende irgendwie bedacht wurden, sind wichtige Erzählstränge nicht zu Ende geführt und wichtige Fragen nicht beantwortet.
Dass die Fan-Theorien so spannend und teilweise abgefahren waren, zeigt, was die Zielgruppe sich gewünscht hat: Überraschungen, fantasievoll zusammengeführte Erzählstränge, Bedeutung in kleinen Details.
Mein Tipp für dich:
Lies die Bücher, die deine Zielgruppe liest. Sprich mit den Menschen, für die du schreibst. Und beschäftige dich mit ihren Erwartungen. Wenn du sie brichst, dann bewusst – und für etwas Besseres.
3) Was am Anfang spannend ist, ist es am Ende nicht mehr.
Der letzte große Kampf im Stranger-Things-Finale wirkt vergleichsweise harmlos. Für sich gesehen ist er das gar nicht: Zwei zusammen agierende Endgegner, die nur durch die Gruppe besiegt werden können. Im Vergleich zu anderen Herausforderungen der letzten Staffeln war er für die Figuren aber leicht zu bewältigen.
Figuren entwickeln sich mit den Herausforderungen, die du ihnen in deinen Texten stellst. Wenn sie schon einmal als Gruppe an drei verschiedenen Orten auf der Welt gegen den Hauptgegner und seine aus Monstern und Fledermäusen bestehende Armee gekämpft und gewonnen haben, sollten sie im Endkampf nicht mehr Man- und magische Power bei gleichzeitig weniger Gegnern haben. Die Herausforderungen müssen steigen, damit sie für die sich entwickelnden Figuren gleich schwierig und fürs Publikum gleich spannend bleiben.
Das gilt für Sachbücher übrigens genauso: Du kannst nicht in jedem Kapitel dieselbe Aufgabe stellen und erwarten, dass deine Zielgruppe sie auch beim 7. Mal noch freudig erledigt. Auch hier darf es Spannung und Entwicklung geben. Wer dein Buch liest, wächst mit ihm.
Mein Tipp für dich:
Baue dein Buch mit einem Spannungs- und Entwicklungsbogen auf. Lasse die Herausforderungen mitwachsen, dann bleiben sie spannend.
4) Unterschätze dein Publikum nicht.
Nachdem die ersten Folgen der letzten Stranger-Things-Staffel veröffentlicht wurden, gab es viele Beschwerden über die Dialoge: Minutenlange Expositionsdialoge (also Dialoge, deren einzige Aufgabe es ist, dem Publikum das Setting zu erklären) und Dialoge, die einfach nur beschrieben, was die Figuren gerade taten, nervten die Fans der Serie.
Die (inoffizielle) Erklärung: Netflix hat wohl festgestellt, dass ihr Publikum häufig aufs Handy schaut und parallel einen Film oder eine Serie laufen lässt. Also wurden die Dialoge weniger anspruchsvoll und dafür erklärender gestaltet, damit man auch noch mitbekommt, was passiert, wenn man nicht so genau aufpasst.
Oder anders ausgedrückt: Sie haben das Niveau heruntergeschraubt, weil sie ihr Publikum für nicht besonders schlau hielten.
Meiner Erfahrung nach rächt es sich immer, die eigene Zielgruppe zu unterschätzen. Wenn etwas übererklärt wird, wird es langweilig. Und Langeweile ist das sicherste Mittel, Menschen mit einem Buch zu verärgern.
Und ja, die Aufmerksamkeitsspanne nimmt überall ab. Dazu gibt’s Studien, und wir merken es doch auch alle selbst.
Medien so zu gestalten, dass man aus Langeweile parallel zum Handy greift, kann aber nicht die Lösung sein, sondern verstärkt das Problem noch. Expositionsdialoge lassen sich geschickt in die Handlung verweben, sodass sie sich nicht nur ans Publikum richten. Im Sachbuch kannst du Dinge mehrfach auf unterschiedliche Weise erklären – durch Stories, Beispiele, Übungen. Statt unsere Geschichten und Texte einfacher zu machen, damit man ihnen leichter folgen kann, sollten wir sie besser und spannender machen, damit man ihnen lieber folgt.
Mein Tipp an dich:
Die Verantwortung dafür, dass dein Publikum dranbleibt, liegt bei dir. Wenn es das nicht tut, mach deinen Text besser, nicht irrelevant.
5) Verbindung geht über alles.
Es gab auch viele positive Stimmen zum Stranger-Things-Finale. Was vor allem am langen Epilog und den Ausblicken zu den Figuren lag. Einige Fans haben Stranger Things seit ihrer Kindheit geschaut und sind mit den Figuren aufgewachsen. Dass diesen nun ein paar Wünsche erfüllt und schöne Leben geschenkt werden, lässt über einige Schwachpunkte der letzten Folge hinwegsehen.
Mein Tipp für dich:
Ein Buch verbindet. Dein Publikum mit den Figuren und auch mit dir. Stelle die Verbindung immer in den Mittelpunkt. Das wiegt einiges auf.
